Charlotte Link

Charlotte Link über Einsamkeit, Selbstzweifel und seichte Filme

Charlotte Link (49) sitzt sehr aufrecht auf ihrem Stuhl. Die Ärmel ihres Blazers hat sie umgeschlagen. An ihrem roten Pullover steckt eine Brosche. Sie trinkt Tee. Die ARD hat zur Pressevorführung von „Das andere Kind“ (2. und 3. Januar 2013, 20.15 Uhr) in ein Hamburger Hotel geladen.Von vielen Verfilmungen ihrer Bücher war sie enttäuscht. Es ist ein neuer Versuch – und die seltene Gelegenheit für ein Gespräch mit der Bestsellerautorin. Mit 20 Millionen verkauften Büchern gehört sie zu den erfolgreichsten Schriftstellern Deutschlands.

 

Frau Link, es heißt, Sie ertragen die Verfilmungen Ihrer Bücher nur mit dem Finger auf der Vorspultaste der Fernbedienung. Ist das so?

Das ist in der Vergangenheit oft so gewesen, ja. Es ist einfach schwierig für einen Autor, etwas, was man über Monate ganz alleine für sich geschaffen hat, in fremde Hände zu geben, die dann ihre eigene Fassung daraus machen. Ich habe damit leider nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Etliche Filme hatten mit meinen Büchern nichts mehr gemein, sondern waren sehr, sehr weich gezeichnet. Das ZDF hatte sehr viel Erfolg damit, aber es war nicht das, was ich wollte.

 

Was hat Sie besonders gestört?

Der Zuschauer wurde meist zufrieden und mit der Welt versöhnt aus dem Film entlassen. Meine Bücher aber sind anders. Sie enden eigentlich immer so, dass man nicht getröstet wird. Ich mag es nicht, wenn in Filmen am Schluss immer alles gut wird. So ist das Leben nicht. Manchmal ist gar nichts gut.

 

Trotzdem hat Nico Hofmann von Teamworx Sie überzeugt, dass er „Das andere Kind“ für die ARD verfilmen durfte. Wie hat er das geschaff?

Mein Verlag hat mich überredet, doch zumindest mal mit ihm zu sprechen. Das habe ich getan – aber immer noch mit der Gewissheit: Ich muss das ja nicht machen, ich rede nur mal mit ihm. Aber die Vorstellungen, die er hatte, gefielen mir. Und ich hatte das Gefühl, dass mir auch der zuständige Produzent, der Regisseur und der Drehbuchautor ernsthaft zugehört und verstanden haben, dass ich in eine bestimmte Richtung nicht mehr gehen möchte. Für mich ist es ein wirklich großer Schritt, es noch einmal zu versuchen.

 

Sind Sie mit dem Ergebnis denn zufrieden?

Ja, ich bin zufrieden. Ich bin auch glücklich, dass der Film in Yorkshire gedreht wurde, dort, wo auch der Roman spielt. Yorkshire ist düster und sehr verregnet. Da stimmt schon mal die Grundstimmung. Ich finde es auch großartig, dass so viele englische Schauspieler engagiert wurden, was es sehr authentisch macht. Und es sind nach meinem Gefühl sehr, sehr gute Schauspieler dabei, auch die deutschen.

 

Hannelore Hoger zum Beispiel ...

Ja, ich bin ein Riesenfan von Hannelore Hoger. Ich finde auch Marie Bäumer in ihrer Verletzlichkeit sehr überzeugend. Und die Handlung ist zum großen Teil wie im Buch geblieben. Obwohl … auch bei diesem Film finde ich den Schluss zu versöhnlich. Das ist schade, und ich kann es auch nicht so ganz nachvollziehen. „Das andere Kind“ war eines meiner erfolgreichsten Bücher. Warum soll ein Ende, dass der Leser im Buch hinnimmt, den Zuschauer im Film plötzlich überfordern? Ich weiß es nicht. Aber es verstört mich nicht so sehr, dass ich sagen würde: Ich ertrage den Film nur im Schnelldurchlauf.

 

20 Millionen Bücher haben Sie insgesamt verkauft. Was macht diese Zahl mit Ihnen?

Ich will gar nicht so tun, als ob mich das irgendwie kalt lässt. Es ist ein gutes Gefühl. Das Seltsame aber ist: Es hilft einem beim Schreiben nicht. Man zweifelt trotzdem.

 

Woran zweifeln Sie?

Ich höre oft den Satz: „Bei 20 Millionen Büchern, da wissen Sie doch, dass auch das nächste Buch ein Erfolg wird.“ Aber so ist das nicht. Ich denke immer noch jedes Mal: Vielleicht habe ich plötzlich die Fähigkeit verloren zu schreiben. Vielleicht wird dieses Mal niemand das Buch lesen. Vielleicht wird es niemand mögen. Die 20 Millionen sind in diesen Momenten etwas aus der Vergangenheit. Über meine Zukunft sagen sie mir nichts.

 

Sie sagten einmal, dass Sie Ihrer elfjährigen Tochter von der Schriftstellerei abraten würden. Warum?

Das ist tatsächlich so. Zum einen, weil sie so quirlig ist, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, dass sie monatelang in einem Zimmer sitzt und schreibt. Zum anderen, weil es zwar ein sehr, sehr schöner Beruf ist, aber auch ein schwieriger – und ich nicht weiß, ob jeder damit glücklich werden würde.

 

Was ist das Schwierige?

Das Alleinsein. Es gibt keine Kollegin, die einem über die Schulter schaut und sagt: Das ist gut, oder das ist schlecht. Für lange Zeit ist man selbst sein einziger Maßstab, und das empfinde ich als die größte Schwierigkeit in diesem Beruf.

 

Stimmt es, dass Sie sich jeden Tag um 8.30 Uhr an den Schreibtisch setzen?

Ja, um 8.30 Uhr sind alle aus dem Haus. Fürs Arbeiten ist es mir am liebsten, wenn wirklich niemand da ist. Ich spreche mir Dialoge oft laut vor und laufe dabei auch gerne durchs Haus. Und ich wäre extrem gehemmt, wenn mir dabei irgendjemand zuhören würde. Zumal das oft wirres Zeug ist, was ich da spreche. Weit entfernt von einer druckreifen Fassung. Um vier Uhr kommt dann meine Tochter aus der Schule, und damit endet die Zeit, in der ich schreibe.

 

Manche Schriftsteller setzen sich ein bestimmtes Pensum. Wie ist das bei Ihnen?

Ich will am Tag zwei Computerseiten schaffen, das ist das Minimum. Das klingt vielleicht nach wenig, aber es gibt Szenen, die ziehen sich über Stunden, ohne dass ich die richtigen Worte finde. Wenn es fantastisch läuft, ich zwei Seiten habe und es erst zwei Uhr ist, dann mache ich natürlich weiter. Es sei denn, ich bin an einer Stelle, von der ich genau weiß, dass sie mir morgen den Einstieg erleichtert. Wobei man sich da auch vertun kann: Man hört auf, und denkt, das wird einfach, und dann sitzt man am Morgen da und es klappt gar nicht.

 

Interview: Wiebke Ramm, Hannoversche Allgemeine Zeitung, 2. Januar 2013

 

 

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