Ferdinand von Schirach

„Die Wahrheit ist nicht das, was wir sehen

Ferdinand von Schirach (48) ist Strafverteidiger und Schriftsteller in Berlin. Ein Gespräch über Schuld, Vorurteile und Momente des Zweifelns.

 

Herr von Schirach, als Gerichtsreporterin bin ich oft mit dem Zug unterwegs. Jedes Mal, wenn ich auf freiem Feld eine Baumgruppe sehe, denke ich an Leichenfundorte. Kennen Sie das?

Als junger Strafverteidiger hatte ich das am Anfang auch. Immer wenn ich durch Berlin gefahren bin, hatte ich diese Karte im Kopf: Dort hat ein Mann seine Frau erwürgt, da wurde eine Tankstelle überfallen, aus diesem Fenster wurde ein Baby geworfen. Aber irgendwann verschwindet das. Nur manchmal, wenn ich über die Dörfer fahre, sehe ich zu viel: ein kurz geschnittener Rasen vor einem Reihenhaus, die Spuren eines Tretautos im Gras, der Haarreif eines Mädchens. Warum hängen schwarze Plastikfolien vor den Kellerfenstern?

 

Hat sich an Ihrem Blick aufs Leben denn etwas grundlegend verändert?

Ich bin mir nicht sicher, ob sich Menschen überhaupt verändern. Aber ich versuche weniger zu urteilen. Wir alle leben von unseren Vorurteilen. Aber wenn Sie lange Strafverteidigung machen, wird Ihnen klar, dass die meisten Urteile falsch sind. Der Mann neben Ihnen im Café, dem der Sabber aus dem Mund läuft und der unangenehm riecht, ist kein Obdachloser. Dieser Mann ist ein Hochschullehrer für Quantenmechanik, sein Vermögen hat er den Ärzten ohne Grenzen geschenkt. Und der freundliche Blumenhändler, bei dem Sie die Tulpen kaufen, hat vor 15 Jahren seine Frau umgebracht. Ich bin also vorsichtiger mit meinen Urteilen geworden – die Wahrheit ist nicht das, was wir sehen.

 

Was Ihre Erzählungen so besonders macht, ist, dass Sie den Leser häufig ohne Gewissheit beunruhigt zurücklassen, weil die Frage der Schuld offenbleibt. Wie gehen Sie als Strafverteidiger mit diesem Unbehagen um?

Dieses Unbehagen – das ist ein schönes Wort – scheint tatsächlich unser Leben widerzuspiegeln. Es ist ja nicht so, dass die Dinge gut ausgehen. Krumm und schief sind wir in diese Welt gestellt. Natürlich, wir versuchen durchzukommen, aber wenn wir ehrlich sind, gelingt uns nur wenig. Denken Sie an Beziehungen: Es geht ja nach der Hochzeit weiter, und irgendwann wird es schwierig. Das heißt doch: Schon das, worin wir am meisten investieren, unsere Beziehungen, schon das funktioniert nicht. Was folgt daraus? Sollen wir Zyniker werden? Sollen wir die Menschen verachten und alles nur für einen Witz halten? Das ist doch eine scheußliche Haltung.

 

„Ob der Anwalt glaubt, dass sein Mandant unschuldig ist, spielt keine Rolle“, schreiben Sie. Aber will man in stillen Momenten nicht doch wissen, ob er es war?

Wir alle sind neugierig.

 

Ja, eben.

In einer konkreten Verteidigung spielt diese Frage trotzdem nicht die geringste Rolle. Die Aufgabe des Verteidigers ist zu verteidigen. Nicht mehr, nicht weniger. Trotzdem haben Sie recht, manchmal gibt es diese Situation: Sie sitzen abends draußen im Café und überlegen sich: Der läuft jetzt weiter draußen rum, und wahrscheinlich hat er diese furchtbare Tat begangen . . .

 

Solche Momente gibt es also?

Ja. Aber wenn diese Momente Ihr Leben bestimmen, sind Sie für den Beruf ungeeignet. Dann haben Sie das Recht nicht verstanden. Sie sind kein Sozialarbeiter, kein Pfarrer. Sie fällen keine moralischen Urteile. Sie sind die eine Hälfte der Waagschale.

 

Und was beruhigt Sie, wenn Sie Zweifel haben?

Eine abstrakte Überlegung, sie mag jetzt merkwürdig klingen, aber: Kein Strafverteidiger hat jemals einem Mörder zur Freiheit verholfen! Keiner! Weil in unserer Gesellschaft das Gericht entscheidet, ob er ein Mörder ist. Und wenn es ihn freispricht, war er es nicht. Es ist das Wesen des Rechtsstaats.

 

Nehmen wir Ihre Geschichte über Friedhelm Fähner. Am Ende hat man fast Verständnis dafür, dass er seine Frau umbringt. Ist dieses Vorgehen bloße Verteidigungstaktik?

Der Anwalt ist ein Fürsprecher, er spricht für den, der es selbst nicht gut kann. Der Verteidiger kennt die Sprache des Gerichts, er wird gehört. Seine Aufgabe ist es manchmal, die Geschichte seines Mandanten zu erzählen. Fähner könnte seine Leben nicht selbst erzählen, so wie Kachelmann das bei Günther Jauch nicht konnte. Es geht schief, man kann sich nicht selbst verteidigen.

Quelle: ZDF

 

Steckt dahinter denn auch ein persönliches Interesse, wissen zu wollen, was einen Menschen zum Mörder macht?

Ja, natürlich. Es ist doch nicht wichtig, ob Sie das iPhone 2 oder 5 haben. Das Interessante sind doch die Geschichten der Menschen, seine Schuld.

 

Und die Antwort darauf ist meist banal?

Das finde ich nicht. Die meisten Dinge werden interessant, wenn Sie sich nur intensiv damit beschäftigen. Sie gehen über eine Wiese: Gras, Blumen, Erde – völlig uninteressant. Aber wenn Sie sich wirklich dafür interessieren, wie so eine Wiese funktioniert, dann wird es anders. Der Vorgang der Tötung selbst ist banal, ja. Ob er ihr den Kopf einschlägt oder sie erwürgt, das ist nur ein Bild, ein Moment. Aber was dazu geführt hat, was den Menschen also ausmacht, das kann doch nie banal sein.

 

Vielleicht ist banal das falsche Wort. Ein Beispiel: Ein junger Mann fragt ein Mädchen nach dem Weg. Im nächsten Moment ist es tot. Das ist alles ganz furchtbar, aber dieser Moment, in dem er sich entschließt zu morden, der erscheint so klein.

So erschreckend klein, ja. Wenn ich Ihnen etwas empfehlen darf: Lesen Sie in Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ die Beschreibung von Moosbrugger. Der hat eine Prostituierte getötet. Er kommt in den Gerichtssaal, und jeder Reporter sieht etwas anderes: das Böse in Moosbruggers ­Augen, sein hinterhältiges Lächeln. Moosbrugger selbst glaubt nur, sein Kopf sei oben offen. Nichts daran ist banal, weil es um den Menschen geht. Um uns.

 

Interview: Wiebke Ramm

 

Der schreibende Anwalt

Ferdinand von Schirach, 1964 in München geboren, hat sich in den neunziger Jahren als Strafverteidiger in Berlin niedergelassen. Bekannt wurde er mit den beiden Büchern „Verbrechen“ (2009) und „Schuld“ (2010), deren Kurzgeschichten auf Fällen aus seiner Kanzlei basieren. Im Herbst erscheint sein neuer Roman. Über den Inhalt verrät er noch nichts. Nur so viel: die Arbeit sei intensiver gewesen als die für „Der Fall Collini“, seinen vorherigen Roman. 18 Monate lang hat er sich zum Schreiben zurückgezogen und in dieser Zeit auch nicht als Anwalt gearbeitet. Nach einem Zusammenbruch ist der 48-Jährige dem Rat einer Ärztin gefolgt, nicht zwei Leben gleichzeitig zu leben: das eines Strafverteidigers und das eines Schriftstellers. Er liebt seinen Anwaltsberuf. „Ich möchte ihn nicht aufgeben“, sagt er: „Aber wenn man schreibt, bekommt man etwas Wunderbares: Man reist in seinem Kopf, man trifft seine Figuren, und am Ende lebt man ganz in seinem Buch. Der Prozess des Schreibens ist mit nichts zu vergleichen, was ich sonst kenne.“ Er will nun abwarten, ob die Leser auch das neue Buch mögen. „Und wenn das so sein sollte, werde ich lange darüber nachdenken müssen, wie es weitergeht.“

 

Wiebke Ramm, Stuttgarter Zeitung & Hannoversche Allgemeine Zeitung, 6. April 2013

 

 

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