Paedophilie

„Nicht die sexuelle Neigung, die Tat richtet den Täter

Der Kieler Sexualmediziner Prof. Hartmut Bosinski arbeitet seit mehr als 25 Jahren in der Pädophilie-Forschung. Ein Gespräch über Männer, die Fotos nackter Kinder kaufen, die Möglichkeit, eine sexuelle Neigung ein Leben lang unter Kontrolle zu halten, und die Notwendigkeit, das Therapieangebot für pädophile Männer auszubauen. Ein Interview von Wiebke Ramm.

 

Herr Professor Bosinski, die Staatsanwaltschaft Hannover beruft sich im Fall Edathy auf ihre kriminalistische Erfahrung, dass bei jemandem, der mehrfach strafrechtlich nicht relevante Bilder und Videos nackter Jungen gekauft hat, auch häufig eindeutig kinderpornografisches Material zu finden ist. Teilen Sie als Sexualmediziner diese Erkenntnis?

Ich kann und werde mich zu einem konkreten Fall nicht äußern. Was ich sagen kann, ist, dass strafrechtlich überführte Konsumenten von Kinderpornografie, also von eindeutigen Missbrauchsabbildungen, häufig auch Bilder von nackten Kindern besitzen. Der Umkehrschluss aber, Besitzer von Posing-Bildern besäßen auch immer kinderpornografisches Material, lässt sich daraus nicht ziehen. Es wäre so, als würde man aus der Erkenntnis, dass Menschen mit scharfen Waffen oft auch Luftgewehre haben, den Schluss ziehen, alle Besitzer von Luftgewehren besäßen scharfe Waffen. Wir wissen allerdings, dass es bis vor gar nicht allzu langer Zeit an vielen Bahnhofskiosken sogenannte FKK-Hefte legal zu kaufen gab, in denen vor allem nackte Kinder abgebildet waren. Bei Pädophilen hatten und haben diese Hefte einen sehr hohen Stellenwert.

 

Lässt sich daran zweifeln, dass Menschen, die über Jahre Fotos nackter Jungen bestellen, dies aus pädophiler Neigung tun?

Diese Frage lässt sich nicht allgemein beantworten. Es kommt auf den Einzelfall an. Der Gedanke liegt nahe, ja. Aber manche werden den Besitz solcher Bilder vielleicht mit ästhetischen Aspekten begründen. Ob wahrheitsgemäß oder nicht, lässt sich nicht pauschal beurteilen.

 

Man kauft sich aus ästhetischen Gründen Bilder von fremden nackten Kindern?

Solche Erklärung wird man sicherlich zu hören bekommen. Gegenfrage: Glauben Sie, dass ein weiblicher Akt jedem Mann als Masturbationsvorlage dient?

 

Ähm … Nein, eigentlich nicht.

Sehen Sie. Was wir aber aus Studien wissen, ist: Wer sich Kinderpornografie, also auch nach derzeitiger Rechtslage eindeutig verbotenes Material, besorgt, was ja nicht ganz einfach ist, der ist mit hoher Wahrscheinlichkeit pädophil.

 

Zeigt die Arbeit mit Pädophilen, dass es in der Regel zu einer Verschiebung der Hemmschwelle kommt? Erst das Betrachten frei zugänglicher Bilder von Kindern, dann das Kaufen von Bildern von nackten Kindern, dann der Erwerb von klar kinderpornografischem Material?

Wissenschaftlich belegt ist das nicht. Doch es gibt bei allen Menschen jeder Neigung die Tendenz, Dinge aus der Phantasie auch in der Realität erleben zu wollen. Ein Junge, der bei der Masturbation an tolle Frauen denkt, will und wird irgendwann in der Wirklichkeit ein Mädchen kennenlernen, mit dem er seine sexuellen Wünsche realisieren kann. Das Externalisieren von Phantasien ist in der hetero- und homosexuellen Entwicklung völlig unproblematisch. Bei pädosexuellen Menschen sieht das ganz anders aus. Folgen aus ihren Phantasien Taten, gehören sie bestraft.

 

Es gibt derzeit viele Stimmen, die sagen, dass Menschen mit pädosexueller Neigung unabhängig von strafrechtlichen Vergehen nichts im Bundestag, nichts in einer Partei zu suchen haben. Was halten Sie davon?

Da wird offenbar Neigung mit Handlung verwechselt. Aber nicht die Neigung, sondern die Tat richtet den Täter. Für seine sexuelle Neigung ist man nicht verantwortlich, sie macht einen auch nicht zum schlechten Menschen. Wichtig ist, wie der Betreffende mit seiner Neigung umgeht – dafür ist er sehr wohl verantwortlich. Ein pädophiler Mann muss und kann lernen, seine Neigung notfalls auch mit Hilfe von Medikamenten – so zu kontrollieren, dass er sie nicht zum Schaden von Kindern auslebt – auch nicht im Netz.

 

Wie bewerten Sie Foto- und Filmmaterial der sogenannten Kategorie 2, also Material, das im strafrechtlichen Graubereich liegt?

Einerseits: Bilder, die nackte Kinder zeigen und ohne Zustimmung von Eltern und Kindern entstanden sind, haben im Netz nichts zu suchen. Der Handel gehört verboten. Das geht gar nicht. Eine entsprechende Gesetzesänderung ist sicher wünschenswert. Andererseits: Es darf nicht dazu kommen, dass jegliche Darstellung eines nackten Kindes kriminalisiert wird.

 

Überrascht es Sie, wenn eine Person derartige Bilder kauft, obwohl sie weiß, welche Folgen ein Bekanntwerden hat? Sie weiß um das Risiko der Vernichtung ihrer Karriere und bürgerlichen Existenz und kauft doch? Wie kann das sein?

Nein, das überrascht mich nicht. Kein anderer Bereich menschlichen Erlebens und Verhaltens ist so weit weg von der rationalen Steuerung wie die Sexualität. Nehmen wir das Beispiel AIDS. Jeder weiß um die Gefahr der HIV-Infizierung durch ungeschützten Geschlechtsverkehr und trotzdem kommt es immer wieder auf diesem Weg zur Übertragung. Wenn es um Sexualität geht, sind die Verhaltensweisen meist nicht vernunftgesteuert.

 

Wie hoch ist die Zahl pädophiler Menschen in Deutschland?

Sexualmedizinische Untersuchungen haben gezeigt, dass knapp ein Prozent der Männer in Deutschland pädophil veranlagt ist und ihre Neigung auch bereits ausagiert hat. Das sind immerhin 250.000 Männer. Diese Zahl schließt sowohl diejenigen ein, deren sexuelle Neigung ausschließlich auf Kinder gerichtet ist, wie diejenigen, deren sexuelles Interesse sowohl Kindern wie auch Erwachsenen gilt.

 

Gibt es auch pädophile Frauen?

Frauen sind im Bereich der Paraphilien, also der sexuellen Abweichungen, eine absolute Rarität. Das gilt für Pädophilie genauso wie für Sadismus, Fetischismus oder Exhibitionismus. Ich schätze, dass auf 1000 pädophile Männer eine Frau kommt, also 1000-mal mehr Männer betroffen sind. Ich selber hatte in meinem Berufsleben mit zwei Frauen zu tun, die aus eigenem pädophilen Antrieb, Kinder missbraucht haben. Allerdings müssen wir auch bedenken, dass sexueller Kindesmissbrauch durch Frauen sich ganz anders darstellt als der durch Männer und oft gar nicht bemerkt wird. Ich vermute, dass die Dunkelziffer hier noch höher ist als bei Männern.

 

Wie hoch ist denn die Chance, dass ein pädophiler Mensch niemals Kinder missbraucht?

Auch hier gilt, wir müssen immer den Einzelfall betrachten. Es gibt Männer, die mit dieser Neigung ins Grab gehen, ohne sich jemals an einem Kind vergangen zu haben oder Missbrauchsabbildungen benutzt zu haben. Von manchen erfahren wir erst nach ihrem Tod aus ihren Tagebüchern, dass sie sich immer eine sexuelle Beziehung zu einem Kind gewünscht, ihre Wünsche aber nie in die Tat umgesetzt haben. Von anderen Pädophilen wissen wir, dass sie sukzessive immer mehr wollen und entsprechend handeln.

 

Können pädophile Männer ihr sexuelles Bedürfnis tatsächlich steuern, das heißt, ein Leben lang unterdrücken?

Ja, das ist möglich. Wichtig ist, die Einsicht des Mannes, dass es sich um ein lebenslang bestehendes Problem handelt. Es gibt viele Männer, die unter ihrer Neigung leiden und Hilfe suchen. Übrigens sind das häufig Männer um die 40, die ihre Neigung bisher nur auf der Phantasieebene belassen konnten und plötzlich zu uns kommen, weil sie große Angst haben, die Kontrolle zu verlieren. Eine Therapie und Medikamenteneinnahme können das verhindern. Medikamente dämpfen den Sexualtrieb und dämmen auch die Phantasien ein.

 

Welche Chance hat ein Mensch, der öffentlich als pädophil am Pranger steht, gesellschaftlich wieder integriert zu werden?

Outet sich ein Mann als pädophil, so bedeutet das heute zumeist sein völliges soziales Aus. Die Menschen wenden sich mit Grausen ab. Das erscheint zunächst nachvollziehbar, ist aber aus Sicht des Therapeuten kontraproduktiv. Wir brauchen ein Verständnis dafür, dass eine sexuelle Orientierung ein Schicksal ist, mit dem der Betreffende so umgehen muss, dass daraus keine Taten entstehen. Dabei braucht er therapeutische Hilfe, oft auch triebdämpfende Medikamente. Diese Therapie ist Opferschutz! Aber leider haben wir nach wie vor in diesem Bereich eine ebenso große Versorgungslücke wie bei den therapeutischen Angeboten für Opfer. Diese Lücken zu schließen, scheint mir wichtiger als die Schaffung immer neuer Gesetze.

 

Interview: Wiebke Ramm, Sonntag, Madsack, 23. Februar 2014

 

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