Kommentar Zschäpe spricht

Zschäpes Fehlverhalten

Beate Zschäpe meldet sich am 313. Verhandlungstag im NSU-Prozess erstmals selbst zu Wort. Sie spricht ein paar Sätze. Emotionen, Scham, Empathie zeigt sie nicht. Die Chance, Einblick in ihr Seelenleben zu gewähren, hat sie vertan. Ein Kommentar.

 

Von Wiebke Ramm

 

Beate Zschäpe hätte wohl nichts sagen können, was allen Erwartungen gerecht geworden wäre. Dies ist einer der Gründe, warum ihre sogenannten Altverteidiger, Anja Sturm, Wolfgang Stahl und Wolfgang Heer, Zschäpe immer zum Schweigen geraten haben. Es wäre die bessere Verteidigungsstrategie gewesen. Und – das wissen wir heute – für die Opfer wäre Zschäpes Schweigen wohl auch nicht schlimmer gewesen als ihre wenigen Worte. „Fehlverhalten“ nennt Zschäpe ihre Verstrickung in die Taten des NSU. Anteilnahme ist diesem Wort nicht zu entnehmen.

 

Es sind bald dreieinhalb Jahre, die die Welt auf diesen Moment gewartet hat: Die Frau, die vielleicht als Einzige die Wahrheit über den NSU kennt, meldet sich vor Gericht endlich selbst zu Wort. Sie tut es viel zu spät. Es ist der Gipfel einer Verteidigungsstrategie, die sich höchstens Zschäpe und ihren neueren Verteidigern Mathias Grasel und Hermann Borchert erschließt.

 

Zschäpe muss bewusst sein, welche Bedeutung es insbesondere für die Familien der NSU-Opfer hat, von ihr selbst zu hören, was sie zu sagen hat. Doch ihre Sätze drehen sich einzig und allein um sie selbst. Es wirkt wie ein verzweifelter Versuch, am Ende des Prozesses bei ihren Richtern um Milde zu werben. Ja, sie hat gesprochen. Viel mehr aber hat sie nicht getan.

 

Dem Wortlaut nach distanziert sie sich von den Taten. Sie beurteile Menschen heute nicht mehr nach ihrer Herkunft, sondern nach ihrem Benehmen, sagt sie. Zschäpes eigenes Benehmen spricht Bände: Den Opfern des NSU verweigert sie ausdrücklich weiterhin Antworten.

 

Zschäpe hat nicht geweint, keine Scham gezeigt, nicht mit sich gerungen. Zschäpe hält ihre Fassade weiter aufrecht. Einblicke in ihr Seelenleben gewährt sie nicht. Es wäre ihre Chance, den Prozess vielleicht doch noch zu drehen. Genutzt hat sie diese Chance nicht.

 

Stuttgarter Zeitung, Rheinpfalz, LVZ, MAZ, 30. September 2016

 

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