Kommentar Zschäpe Sturm

Zschäpes Sebstschädigung

Beate Zschäpe schadet mit ihrem Verhalten ihrer Verteidigung, nicht ihren Verteidigern. Ein entscheidender Unterschied. Schaden nimmt am Ende nur sie selbst. Ein Kommentar.

Genau genommen hat Beate Zschäpe ihr Schweigen längst gebrochen. Vor Gericht sagt sie bisher nichts – abgesehen von einem herausgerutschten „Ja“ –, stattdessen schreibt sie nun ausgerechnet dem Vorsitzenden Richter Briefe. Briefe in Form von Anträgen und Stellungnahmen, in denen sie wüste Anschuldigungen gegen ihre Verteidigerin Anja Sturm und ihre Verteidiger Wolfgang Stahl und Wolfgang Heer erhebt. Zschäpe plaudert darin Interna aus, die sie mehr belasten, als sie sich offenbar vorstellen kann. Bei einer schweigenden Angeklagten ist jedes Verhalten relevant. Das müsste Zschäpe inzwischen eigentlich wissen, nicht zuletzt, weil ihre Verteidiger in ihrer Anwesenheit bereits mehrfach – und erfolglos – die Dauerbeobachtung der Angeklagten durch den Psychiater moniert haben. Den Richtern, also denjenigen, die über ihre Schuld und die Schwere derselben zu urteilen haben, schreibt Zschäpe nun, sie überlege, „etwas auszusagen".

 

Schweigen ist eine beliebte und durchaus Erfolg versprechende Verteidigungsstrategie. Denn das Schweigen einer Angeklagten kann vor Gericht nicht gegen sie verwendet werden. Ganz anders ist es, wenn Zschäpe ein bisschen redet. Wenn sie also vielleicht etwas zu ihrer Kindheit und Jugend, nichts aber zum Tatvorwurf selbst sagt und auch Fragen nicht beantwortet. Daraus darf ein Gericht sehr wohl Schlüsse ziehen – im Zweifel nicht die besten für Zschäpe. Nun anzukündigen, sie werde vielleicht doch „etwas“ aussagen, ist als Verteidigungsstrategie schon im Ansatz unklug.

 

Damit nicht genug. Zschäpe schreibt dem Gericht auch noch, dass sogar ihre Anwälte ihr vorwerfen, sie könne sich nicht unterordnen. Ein höchst interessanter Aspekt, lautet doch eine der entscheidenden Fragen des Prozesses: Welche Rolle spielte Zschäpe innerhalb des NSU? Bloß unwissendes Hausmütterchen? Oder eher Finanzchefin? Wer Zschäpes Zeilen liest, bekommt massive Zweifel daran, dass diese Frau sich jemals von irgendwem den Willen aufzwingen ließe. Anmaßend und selbstüberschätzend nennen ihre Anwälte Zschäpes Verhalten in einem Brief an sie. Dass Zschäpe diese Zeilen an das Gericht weiterleitet, damit haben ihre Verteidiger sicher nicht gerechnet.

 

Zur Erinnerung: Zschäpe wird vorgeworfen, Mitglied der terroristischen Vereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) gewesen zu sein, die unter anderem aus rassistischem Wahnsinn neun Männer aus Einwandererfamilien und eine Polizistin ermordet und zwei Sprengstoffanschläge verübt hat. Anmaßend und selbstüberschätzend – das trifft auch auf diesen mörderischen Irrsinn ganz gut.

 

Wiebke Ramm, Die Rheinpfalz, 23. Juni 2015

 

 

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