Reden hilft

Reden hilft

Der NSU-Prozess ist für Beate Zschäpe aus Verteidigersicht der schlechteste Ort zu reden. Psychologisch aber spricht einiges dafür, das Schweigen zu brechen. Ein Plädoyer für die Wahrheit.

 

„Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar“, sagte Ingeborg Bachmann einmal. Die Wahrheit. Wenn am heutigen Donnerstag der NSU-Prozess in München nach der Sommerpause weitergeht, wird auch das Schweigen der Beate Zschäpe weitergehen. Der vielleicht einzige Mensch, der die ganze Wahrheit über den „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) kennt, wird sie wohl für sich behalten. Aus Verteidigersicht macht sie damit alles richtig. Was aber bedeutet das Schweigen für den Schweiger?

 

Das Schweigen des Mandanten ist eines der wichtigsten Mittel der Verteidigung. Die wichtigste rechtliche Bedeutung des Schweigens ist, dass es grundsätzlich keine Bedeutung hat. Das Münchener Gericht darf Zschäpes Schweigen nicht deuten. Negative Schlüsse wie „Hätte sie nichts zu verbergen, würde sie reden“ sind unzulässig. Schweigen ist juristisch betrachtet: nichts. Daraus resultiert der unter Verteidigern weitverbreitete Rat an den Mandanten, den Mund zu halten. Die prozessualen Folgen des Schweigens sind kalkulierbar, die des Redens sind es nicht.

 

Vor Gericht tritt Zschäpe als Mensch kaum in Erscheinung. Stumm verschwindet sie hinter ihren Anwälten. Nach nunmehr 135 Verhandlungstagen bleibt sie noch immer seltsam seelenlos – und für Prozessbeobachter eine Projektionsfläche für alles und nichts.

 

Für Verteidiger ist der Strafprozess der denkbar schlechteste Ort für schonungslose Offenheit. „Der Verteidiger ist ein Organ der Rechtspflege, kein Organ der Wahrheitsliebe“, hat es der Berliner Gerichtspsychiater Hans-Ludwig Kröber im Juni auf einer Tagung spitz formuliert. Juristisch ist das sinnvoll. Nicht Zschäpe hat ihre Unschuld zu beweisen, sondern das Gericht ihre Schuld oder das Fehlen derselben festzustellen. Und psychologisch?

 

Anja Sturm, Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl sind nicht auf Lebenszeit Zschäpes Anwälte, irgendwann endet ihr Mandat. Zschäpe aber wird mit ihrem Wissen leben müssen. Damit, dass zwei Serienmörder über Jahre ihre wichtigsten Bezugspersonen gewesen sind. Vielleicht auch damit, dass sie im welchem Maß auch immer mit dazu beigetragen hat, dass zehn Menschen ermordet und zahlreiche weitere verletzt wurden.

 

Warum schweigt Zschäpe? Weil sie sich nicht der demokratischen Gesellschaft, sondern der Neonazi-Szene verpflichtet fühlt? Weil sie glaubt, dass es alles noch schlimmer macht, wenn sie redet? Weil ihr der Mut fehlt? Weil sie ihrer geliebten Großmutter die Wahrheit ersparen will? Aus Scham? Man kann auch anders fragen: Was veranlasst andere Angeklagte, ihre Taten zu gestehen?

 

Gerichtspsychiater kennen den Drang eines Menschen, mit seinem schrecklichen Wissen nicht allein bleiben zu wollen, juristischer Rat hin oder her. Für manche Angeklagte gibt es auch im Strafprozess Wichtigeres als ein paar Jahre mehr oder weniger im Gefängnis. Nicht nur für die Angehörigen kann die Ermordung eines Menschen ein traumatisches Erlebnis sein, auch für den Täter. Die Aufarbeitung einer Tat ist der erste und vielleicht wichtigste Schritt zur sozialen Reintegration. Sie hilft dem Täter mit seiner Schuld zu leben, und sie hilft den Opfern mit dem Geschehen fertig zu werden. Jede Tat sagt etwas über den Menschen, der sie verübt hat. Und jeder Täter kann dabei helfen zu verstehen, wie es dazu kommen konnte.

 

Wer schweigt, bleibt mit seinem Wissen allein. Wer schweigt, schafft Distanz – zu den Opfern, zu den Taten, zur eigenen Schuld. Wer gesteht, liefert sich dem Gegenüber aus, geht eine Beziehung mit dem Empfänger des Geständnisses ein. Spräche Zschäpe, täte sie den ersten Schritt aus dem Untergrund zurück in die Gesellschaft.

 

Für die Verteidigung, die Bundesanwaltschaft, das Gericht ist die Auseinandersetzung mit den Taten des NSU ihr Beruf. Zschäpe aber hat nie Feierabend vom NSU. Die Vorwürfe, ihr Wissen, vielleicht ihre Schuld werden sie ihr Leben lang begleiten.

 

Bleibt zu hoffen, dass Zschäpes Anwälte ihr nicht davon abraten, sollte sie sich eines Tages doch ihrer, worin auch immer bestehenden Schuld stellen wollen. Oder wie es Psychiater Kröber mit Bachmann formulierte: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. Auch dem Verteidiger.“

 

Wiebke Ramm, Weser-Kurier, 4. September 2014

 

© 2017 Wiebke Ramm kontakt(at)wiebke-ramm.de