Babytötung

„Das Leben ging einfach so weiter“

Annika H. führt das, was man ein geordnetes Leben nennt. Die Hotelfachfrau lebt mit Mann und zwei Kindern in Schleswig-Holstein. Im Herbst 2012 geht die 29-Jährige zur Polizei und gesteht, dass sie fünf weitere Babys geboren hat. Drei Leichen findet die Polizei im Keller von Familie H.

 

Flensburg. So viel Aufmerksamkeit hat Annika H. wohl nie zuvor in ihrem Leben erfahren. Fünf Richter, ein Staatsanwalt, ihr Verteidiger, die Anwältin ihres Mannes und die Gerichtsreporter hängen an ihren Lippen. Annika H. muss sich seit Montag wegen fünffachen Totschlags vor dem Landgericht Flensburg verantworten. Sie hat ihre eigenen Babys getötet. Und die Frage, die alle im Saal umtreibt, lautet: Warum hat diese Frau so etwas Grauenhaftes getan?

 

Auch ein Psychiater ist im Gerichtssaal. Er will ergründen, was in der 29-jährigen Frau vorgegangen ist, als sie 2006 das erste Baby erstickte, 2007 dem nächsten wohl Blätter in den Mund stopfte, bis auch dieses starb, das dritte und vierte laut Anklage mit einer Schere erstach und dem fünften schließlich 2012 mit ihrer Hand die Luft zum Leben nahm.

 

Annika H. führt das, was man ein geordnetes Leben nennt. Die blonde Hotelfachfrau ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann, 35 Jahre, und ihren beiden Töchtern, acht und zehn Jahre alt, im schleswig-holsteinischen Husum. „Mit der Mutter- und Hausfrauenrolle ist sie wunderbar zurechtgekommen“, sagt ihre Mutter, Kirsten D., am Montag vor Gericht.

 

Kirsten D. trennt sich von ihrem Mann, als Annika acht Jahre alt ist. Das Mädchen zieht mit ihrem Vater nach Sachsen-Anhalt. Annikas Schwester bleibt bei der Mutter. So hatten es sich die Eltern überlegt, und auch die kleine Annika stimmte zu: „Sonst ist Papa ganz alleine.“ Ihre Familie, ihre Freunde lässt sie in der Heimat zurück. „Sie hat sich aufgeopfert“, sagt die Mutter. Zur Ausbildung kommt Annika zurück in den Norden. Zwei Jahre später, mit 18, wird sie schwanger. Noch zwei Jahre später kommt das nächste Kind zur Welt. Beide Töchter leben. Man muss es in dieser Geschichte betonen.

 

Seit ihrer Kindheit mache sie die Dinge mit sich selbst aus, sagt Annika H. vor Gericht. Auch in ihrer Ehe wird nicht viel geredet. Zum Beispiel über Verhütung. „Ich hatte immer schon das Gefühl, dass ich alleine bin und viele Sachen eben nur mit mir ausmachen konnte“, sagt sie. Eine beste Freundin habe sie nie gehabt. Niemand habe all die Schwangerschaften bemerkt. Glaubt man der Angeklagten, dann habe nicht mal sie selbst sie wahrgenommen. „Für mich war ich einfach nicht schwanger“, sagt sie und hört nicht mehr auf zu weinen.

 

Ein Baby bringt sie 2006 zu Hause im Badezimmer zur Welt. Sie habe nur noch einzelne Bilder von den Taten vor Augen. Eines dieser Bilder zeigt das Badezimmer „voller Blut“. Ein anderes zeigt ihre Hand auf dem Gesicht des Babys. Einen Jungen gebiert sie 2007 in einem Waldstück. Den toten Körper steckt sie in eine Plastiktüte, die sie auf einem Parkplatz ablegt.

 

„Das Leben ging einfach so weiter“, sagt sie und weint noch immer. Im Frühjahr 2012 setzen die Wehen nachts ein. Sie kann sie unterdrücken, bis ihr Mann zur Arbeit fährt. Sie schickt ihre Töchter zur Schule, geht ins Bad, gebiert und tötet auch dieses Kind.

 

Ihr Mann nimmt als Nebenkläger am Prozess teil. Erst vor wenigen Tagen hat er seine Frau das erste Mal nach ihrer Verhaftung wiedergesehen. Wie die Begegnung verlaufen ist, sagt seine Anwältin nicht. Zum Prozessauftakt bleibt sein Platz leer.

 

Wiebke Ramm, Nordsee-Zeitung, 12. März 2013

 

 

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