Wahrheit ueber Hannover

Die Wahrheit über Hannover

Eben noch Stadt ohne Eigenschaft gilt die Leinestadt plötzlich als Zentrum der Macht – Hannoveraner wissen: Völlig zu Recht.

 

Hannovers Ruf als Don Vito Corleone Deutschlands ist noch ein wenig ungewohnt. Wir Hannoveraner galten bisher nie als verrucht. Trotz Frank Hanebuth. Eigentlich hatten wir überhaupt keinen Ruf. „Sturmfest und erdverwachsen“, heißt es im Niedersachsenlied über die Niedersachsen. Die Hannoveraner werden nicht einmal erwähnt. Uns ist das ganz recht.

 

Immer wenn Deutschland und die Welt Hannover entdecken (Expo, Lena, Wulff), fühlen sich die Hannoveraner unbehaglich. Entweder, weil die Feuilletonisten aus Hamburg, München und Frankfurt Variationen altbekannter Spottlieder singen („Nichts ist doofer als Hannover“) oder weil sie Liebeslieder anstimmen, die uns peinlich sind („Hannover ist das Herz, die Seele, der Bauch der Republik“, „Der Bär steppt an der Leine“).

 

Jetzt ist es wieder so weit. Nur dieses Mal bekommt Hannover einen bedrohlichen Klang. Seit Fritz Haarmann kennen wir das nicht mehr. „Hier liegt der Sumpf, auf dem Karrieren blühen“, heißt es nun. Von der „Maschsee-Connection“ ist zu lesen, und dem „System Hannover“.

 

Doch wer die Dominanz dieser Stadt in den Spitzenämtern der Politik unheimlich findet, hat bisher nicht erkannt, dass wir noch an ganz anderen Stellen mitmischen. Von Hannover zog nämlich nicht nur Gerhard Schröder ins Kanzleramt und Christian Wulff ins Bellevue, schufen Ursula von der Leyen (CDU), Sigmar Gabriel (SPD), Philipp Rösler und Patrick Döring (beide FDP) die Basis ihrer weiteren Karrieren. Die Wahrheit ist, ohne Hannover gäbe es weder den „Spiegel“ noch den „Stern“. Auch Giovanni di Lorenzo („Zeit“) begann in dieser Stadt seine journalistische Tätigkeit, Hans-Joachim Flebbe erfand hier das Cinemaxx. Emil Berliner, der Erfinder der Schallplatte und des Grammofons, erblickte in Hannover das Licht der Welt. Auch Hannah Ahrendt und Benno Ohnesorg sind Kinder dieser Stadt. Natürlich kommt Otto Sander aus Hannover. Wie sonst könnte er sprechen, wie er spricht. Ulrich Tukur schlendert gern über die Lister Meile, weil er ganz in der Nähe aufgewachsen ist. Gut, auch Oliver Pocher ist Hannoveraner. Aber Wilhelm Busch und Adolf Grimme waren es für einige Jahre auch.

 

In Hannover wurde 1878 der erste deutsche Fußballverein gegründet. Und der erste Motorflug wurde nicht in den USA von den Brüdern Wright absolviert, sondern von Karl Jatho in Hannover.

 

Es stimmt, Hannover hat weder Dialekt („Wir sprechen so, wie ihr schreibt.“) noch Landschaft. Es gibt keine Küste und keine Berge. Jedenfalls keine, die Nichthannoveraner als solche gelten lassen. Es gibt die Leine, die Ihme und den Mittellandkanal. Letzteres klingt, wie Hannover auf die meisten wirkt: trist. Selbst die Eilenriede – ja, richtig, der größte Stadtwald Europas – hat kaum Unterholz, in dem etwas Ungewöhnliches lauern könnte. Und den Maschsee hat die Stadt Hitler zu verdanken. Er ist nur zwei Meter tief. Nicht mal spektakulär ertrinken kann man darin.

 

Aber Hannover neigt ohnehin nicht zum Spektakel, auch wenn in den Herrenhäuser Gärten alljährlich die Feuerwerksweltmeisterschaft ausgetragen wird. Im barocken Schlossgarten zeigen die besten Pyrotechniker der Welt von Mai bis September wie Feuerwerk geht. Pausieren sie, schießen das weltgrößte Schützenfest, das zweitgrößte Oktober- und das Frühlingsfest Leuchtraketen in den Himmel. Ist all das überstanden, ist Silvester. Die Hannoveraner veranstalten zwar viel Rummel in, aber keinen Rummel um ihre Stadt.

 

Wir wollen gar nicht Metropole sein. Wir gehen noch immer ins „Chéz Heinz“, in die „Faust“ und die „Baggi“ zum Feiern, trinken Bier in der „Grotte“ und im „Tabac“, denen man ansieht, dass es sie schon seit Jahrzehnten gibt. Wir kichern auch nicht, wenn wir uns mit Besuchern „Unterm Schwanz“ verabreden.

 

Hannover ist eine überschaubare Stadt. Der Balkon, auf dem die Hells Angels mit den Bandidos angeblich Frieden schlossen, liegt nicht weit entfernt von einem kleinen Café mit dem wunderschönen Namen „Zurück zum Glück“. Gerhard Schröder liest hier gerne seine Zeitung, wenn nicht gerade Putin zu Hause mit dem Essen wartet. Ernst August hingegen – der „Sid Vicious der Aristokratie“, wie ihn eine Punkband einst huldigte – lässt sich selten in der Stadt blicken und ist doch omnipräsent: Die Ernst-August-Galerie liegt gleich am Ernst-August-Platz nicht weit vom Ernst-August-Carree und dem Brauhaus Ernst August.

 

In Hannover liegt alles nah beieinander. Für 10 Euro kommt man mit dem Taxi immer nach Hause. Weg kommt man auch ganz schnell. Die gute Verkehrsanbindung wussten schon die Linksextremisten zu schätzen. Die RAF hatte in Hannover ihre Waffenwerkstatt und ihr Fälschungslabor. Im Lindener Ihmezentrum sägte Peter-Jürgen Boock die Pistolen für den „Deutschen Herbst“ zurecht.

 

Wir Hannoveraner wissen, wer wir sind und was wir können. Aber wir kennen auch diese Stille, die folgt, wenn wir die Frage „Woher kommst du?“ wahrheitsgemäß beantworten. Deswegen sprechen Hannoveraner in den wenigen Worten, die sie machen, selten über ihre Stadt. So irrt, wer meint, dass Hannoveraner plötzlich überall präsent seien. Wir sind es immer gewesen. Es hat nur kaum jemand bemerkt.

 

Wiebke Ramm, Der Sonntag, 13. Januar 2012

 

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