Amoklauf Winnenden

Die Schuld des Vaters

Draußen vor dem Gerichtsgebäude steht Birgit Sch. Sie sieht erschöpft aus. Wie es ihr geht, wird sie gefragt. „Ich bin erleichtert, dass es um ist“, sagt sie. „Jetzt können wir endlich anfangen zu trauern.“ Ihre Tochter Selina ist 15 Jahre alt, als Tim K. sie in der Albertville-Realtschule in Winnenden erschießt.

 

Eineinhalb Stunden vorher haben sich im großen Saal des Stuttgarter Landgerichts alle von ihren Plätzen erhoben. Die Richter, die Staatsanwälte und die vielen, vielen Opferanwälte in ihren schwarzen Roben, die Eltern der toten Kinder, ihre Freunde, auch die Journalisten und Polizisten. Jetzt erst wird Jörg K. hereingeführt, eskortiert von zwei Polizisten. Zu seiner Sicherheit. Der kleine, untersetzte Mann mit dem lichten Haar und dem grauen Vollbart ist der Vater von Tim K., dem Amokläufer von Winnenden. Der Weg zur Anklagebank wird dem 54-Jährige in diesem Moment wie der Gang zum Schafott vorgekommen sein. Doch es geht wohl niemandem im Saal um Rache. Es geht um die Anerkennung von Schuld, die die Angehörigen der Opfer bei ihm so schmerzlich vermissen.

 

Jörg K. trägt nach Ansicht der 7. großen Strafkammer eindeutig Mitschuld an der Tat seines Sohnes. Am 11. März 2009 wurde Tim K. mit der Waffe seines Vaters zum Massenmörder. Einige weinen stumm, als der Vorsitzende Richter Ulrich Polachowski noch einmal all das Grauen vor Augen führt, das Tim in seiner früheren Schule, der Albertville-Realschule, und auf seiner anschließenden Flucht anrichtete. 15 Menschen tötete, 14 weitere verletzte er. Am Ende richtete Tim sich selbst. „Die Kammer ist davon überzeugt, dass es nicht zum Amoklauf gekommen wäre, wenn Sie die Waffe und die Munition ordnungsgemäß verschlossen hätten. Punkt. Aus“, sagt der Richter zu Jörg K. Das Landgericht Stuttgart hat den 54-Jährigen am Freitag deshalb nicht nur wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz, sondern auch wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung zu einem Jahr und sechs Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt.

 

Jörg K. hatte die Waffe, eine Beretta, unter seinen Pullovern im Schlafzimmerschrank aufbewahrt. Ein Magazin lag im Nachtisch. Die Waffe wurde zum Mordwerkzeug seines Sohnes. Jörg K. hätte damit rechnen müssen, dass Tim sie benutzen wird. Wer eine Waffe unsicher lagere, trage Schuld, wenn andere sie entwendeten und mit ihr mordeten, stellt der Richter fest. Ob die Eltern wirklich etwas von Tims „Hass auf die Welt“ und seinen Tötungsfantasien wussten, die er gegenüber einer Therapeutin geäußert haben soll, konnte das Gericht nicht klären. Für die Schuld des Vaters habe dies keine Rolle gespielt.

 

„Ihr Sohn war psychisch krank“, sagt der Richter zu Jörg K. Fünfmal sind die Eltern mit ihm zu Gesprächen in eine Jugendpsychiatrie gefahren. Jörg K. wusste um Tims Labilität. Doch er ignorierte den Rat der Klinik, seinen Sohn weiter behandeln zu lassen. Statt auf Alarmsignale zu achten oder zumindest dafür zu sorgen, dass die Schusswaffen zu Hause sicher verwahrt waren, ließ der Vater seinen Sohn auch noch das Schießen im Schützenverein trainieren.

 

Richter Polachowski sagt aber auch: „Niemand hätte sich noch eine Stunde vor dem Amoklauf vorstellen können, dass dieser freundliche, höfliche junge Mann, diese Tat begeht. Sie nicht, ich nicht, kein Arzt dieser Welt.“ Doch Tim K. hatte Zugang zu Schusswaffen, den er nicht hätte haben dürfen und ohne den er nach Ansicht des Gerichts nicht zum Amokläufer geworden wäre.

 

Mit Jörg K. wurde erstmals jemand infolge eines Amoklaufs verurteilt, den er nicht begangen hat. Es ist das zweite Urteil in dieser Sache. Beim ersten fiel das Strafmaß drei Monate höher aus. Jörg K. hatte Revision eingelegt. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil wegen eines Verfahrensfehlers auf, der Prozess begann Mitte November 2012 von vorn.

 

Gisela M. ist „sehr, sehr zufrieden“ mit der Entscheidung des Gerichts, sagt sie. „Es kommt uns nicht auf die Strafe an, nicht auf drei Monate mehr oder weniger“, erklärt sie: „Es kommt darauf an, dass die Schuld der fahrlässigen Tötung ausgesprochen ist. Es kommt darauf an, dass der Vater für die Folgen seines leichtsinnigen Handelns in allen Konsequenzen verantwortlich ist.“ Sie hofft durch das Urteil auf ein „deutliches Signal“ an die Menschen, die zu Hause Waffe lagern: „Seid um Gotteswillen vorsichtig mit diesem gefährlichen Werkzeug! Und seid achtsam mit euren Kindern!“ Gisela M. hat durch den Amoklauf ihre Tochter verloren. Nina wurde nur 24 Jahre alt.

 

Der Richter jedenfalls appelliert eindringlich an den Vater, nicht noch einmal in Revision zu gehen, auch wenn seine Anwälte ihm das vielleicht raten mögen. „Denken Sie daran, was Sie sich, ihrer Familie und den Angehörigen der Opfer von Tim antun, wenn es in die nächste und nächste Verhandlung geht.“ Nur er selbst, Jörg K., habe es in der Hand, einen Abschluss zu finden und zu sagen: „Jetzt akzeptiere ich diese Schuld.“ Dazu gehörten auch Schadensersatzforderungen, die die Stadt Winnenden und Angehörige der Opfer stellen. Es geht um Forderungen in Millionenhöhe.

 

Wiebke Ramm, Augsburger Allgemeine, 2. Februar 2013

 

 

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