Element of Crime

Sie rufen Romantik

Über den Köpfen ist Ruh’: Element of Crime singt elegische, aber nicht gefühlsduselige Pop-Chansons im Capitol in Hannover.

 

Ein Kneipenbesuch mit einem guten Freund. Morgens um drei. Wenn die eigene Welt so klar erscheint wie selten und man dem anderen die gerade gewonnenen Erkenntnisse ans andere Ende des Tisches hinüberreicht. Vorbei an leeren Flaschen und vollem Aschenbecher. Viel Bier, viel Gefühl. Lakonisch verpackt, mit einem Schleifchen Trotz drumherum und leicht angestoßenen Ecken. So ist Element of Crime. So ist es mit dieser Band an diesem Abend im Capitol in Hannover gewesen.

 

Dass die Erkenntnis dabei auf dem Weg zum anderen manchmal an Klarheit verliert, macht nichts. Bei Element of Crime klingt das dann so: „Nimm die Hand aus dem Auge, ich will dich sehen. Wer nicht sitzen kann, liegt, und wer liegt, kann nicht mehr stehen." Man kennt sich und versteht sich auch in wirren Worten.

 

So hebt Sven Regener auch nur kurz die Hand zum Gruß, als er pünktlich um neun mit seinen Musikern die Bühne betritt. Dann legt er los mit seiner ganz eigenen Art von Gesang. Eine Mischung aus Röhren, Sprechen und Singen. Dazu Trompete, Mundharmonika, Schlagzeug und Saiteninstrumente aller Art. 23 Lieder lang, gut 90 Minuten. Unterbrechungen gibt es kaum. Regener ist kein Freund großer Anmoderationen. Kleiner eigentlich auch nicht. Manchmal verrät er immerhin den Titel des nächsten Stücks. Vorwiegend spielt Element of Crime Stücke des aktuellen Albums mit einer typischen Regener-Zeile als Titel: „Immer da wo du bist, bin ich nie." Aber Regener singt auch die Klassiker. „Damals hinterm Mond“ zum Beispiel. Und „Weißes Papier".

 

Sven Regener ist ein Singer-Songwriter, der sich niemals so bezeichnen würde. Viel zu abgehoben klänge ihm das. Er schreibt Texte und macht Musik. Und beides macht er verdammt gut. So gut, dass er selbst Liebesliedern jede Peinlichkeit raubt. Aber er geht auf Nummer sicher. Um den letzten Hauch Gefühlsduselei auch noch zu killen, reckt er nach dem Schlussakkord von „Bitte bleib bei mir" beide Fäuste nach oben und brüllt: „Romantik!" Der Schlachtruf ertönt noch ein paar Mal an diesem Abend.

 

Das Publikum im Capitol lacht kurz auf und lauscht im nächsten Moment wieder mit angemessenem Ernst Regeners Betrachtungen zur Welt, wippt dabei bedächtig mit dem Kopf und nimmt noch einen Schluck. Manchmal singt es mit. Meist bewegt es lautlos die Lippen zum Text.

 

Das Publikum ist mit Regener alt, sagen wir: älter geworden. Dass die Leute im Schnitt eher 40 als 20 Jahre alt sind, zeigt die Dunkelheit, die sich über ihre Häupter legt. Es fehlen die Handydisplays, die bei jedem anderen Konzert den Bereich vor der Bühne illuminieren.

 

„Und so ist das", sagt Regener schließlich. Er meint: Tschüs, das war’s. Und man geht nach dem Konzert irgendwie schlauer wieder nach Hause. Vielleicht ist es auch nur das Gefühl, verstanden worden zu sein. Verstanden in dem Irrsinn des Alltags, der einem mal hier, mal da unvermittelt und wuchtig eine Tagesordnungswidrigkeit an den Kopf donnert. Da steht man dann – und sollte am besten die Regener-Variante wählen: Ruhe bewahren, auf die Nordsee schauen und den ganzen Kladderadatsch in kluge Worte packen. Schön ist das.

 

Wiebke Ramm, Hannoversche Allgemeine Zeitung, 6. Februar 2010

 

 

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