Tim Fischer singt Knef

In aller Deutlichkeit

Im Schauspiel Hannover gibt Tim Fischer die Knef ohne Pumps und Perücke – übrig bleibt Poesie.

 

Bei Marilyn Monroe brauchte es den Zufall, um Jahrzehnte nach ihrem Tod in ihr eine Poetin zu erkennen. Auf einem Dachboden wurden nun Gedichte und Notizen entdeckt, die diejenigen erstaunt haben sollen, die sie lasen. Bei Hildegard Knef wusste man schon zu Lebzeiten um ihr Schreibtalent. Und doch hat es vielleicht noch einmal einen Tim Fischer gebraucht, der ihre Dichtkunst sozusagen vom Dachboden holt, vom knefschen Schnoddersprech befreit und in Gesang verwandelt, um ihren Worten Geltung zu verleihen.

 

Es ist erstaunlich, was Tim Fischer mit seinem aktuellen Programm gelingt. Er bittet zum Hildegard-Knef-Abend ins ausverkaufte Schauspielhaus in Hannover, raubt der derart Gewürdigten alles, was sie ausmacht, und schafft es doch, dass das Publikum nicht ihm, sondern ihr lauscht.

 

Es kommt Tim Fischer nicht darauf an, der Knef akustisch oder optisch möglichst nahe zu kommen, obwohl ihm derlei Maskerade in seiner Karriere keineswegs fremd ist. Dieses Mal verzichtet er auf Pumps und Perücke. Mal von rotem Licht beschienen, mal von blauem steht er da. Hinter ihm: Cellist, Pianist und Gitarrist, die Fischers Gesang mit feinem Jazz untermalen.

 

Wenn Tim Fischer singt, artikuliert er jedes Wort, jeden Buchstaben mit größter Sorgfalt. Niemals zuvor hat die Knef in dieser Deutlichkeit zu einem gesprochen. Gesungen schon gar nicht. Das Sperrige ist weg, übrig bleiben Worte – und damit doch wieder die Knef. Ihre Texte, und es sind ausschließlich ihre eigenen, die Fischer für diese Hommage gewählt hat, stehen nackt da. So lakonisch, so prächtig.

 

„Ich bin zu müde, um schlafen zu gehen", ist so ein Knef-Satz. Oder die Geschichte von der gelangweilten Birke, die erst als Kommode erkennt, wie schön es im Wald gewesen ist. Oder das Klagelied eines Denkmals, das die Tauben nur ohne Kopf und Kragen erträgt. Und zwischendurch regnet es natürlich Rosen.

 

Tim Fischer, der 37-jährige gefeierte Chansonnier, kennt sich aus mit großen Damen, das hat er längst bewiesen: Marlene Dietrich, Zarah Leander und nun eben Hildegard Knef. Die Sängerin und Schauspielerin steht nach rund zwei Stunden mit einem Mal als Literatin und Poetin vor einem. Man ist noch ein bisschen erstaunt, aber freut sich doch. Großer Applaus.

 

Wiebke Ramm, Hannoversche Allgemeine Zeitung, 7. Oktober 2010

 

 

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