100 Kilo Kokain

100 Kilogramm Kokain und ein V-Mann

Ein Berliner Cafébetreiber soll der Boss einer internationalen Drogenbande sein. Das Gericht hat Zweifel. Hat ein V-Mann ihn erst zum Kokainschmuggel verführt?

 

Berlin. Die Fahnder feiern den Fund als einen „der größten Erfolge bei der Bekämpfung des internationalen Drogenschmuggels der letzten Jahre“. Mit knapp 100 Kilogramm Kokain wurde ein Cafébetreiber aus Berlin-Charlottenburg am 18. August 2011 in Bremerhaven erwischt. Seit April muss sich Namik A. mit fünf anderen Männern vor dem Landgericht Berlin verantworten. Vor Gericht entwickelt sich der scheinbar so klare Fall zum Debakel für die Ermittler.

 

Die Richter hegen Zweifel, dass bei den Ermittlungen alles mit rechten Dingen zuging. Einiges spricht dafür, dass nicht A. die treibende Kraft hinter dem Drogengeschäft war, sondern ein Mann, der ab Herbst 2009 plötzlich regelmäßig Gast in seinem Café war. Moharem, so nannte er sich. Ein V-Mann, den das Landeskriminalamt (LKA) dafür bezahlte, dass er Informationen über Namik A. lieferte. Moharem sollte helfen, A. als Drogenhändler zu überführen. Doch aus Sicht der Verteidiger hat Moharem A. erst zum Drogengeschäft verführt.

 

Alles begann im September 2009. Damals sagte eine unbekannte Person dem Zollfahndungsamt Hannover am Dienstsitz in Bremen, A. handele im großen Stil mit Heroin. Gefunden hat man nie etwas. Doch die Ermittlungen wurden nicht eingestellt, sondern Moharem auf Namik A. angesetzt.

 

Die Männer in dem türkischen Café in Berlin-Charlottenburg haben Moharem noch gut in Erinnerung. Nie spielte er Karten, immer saß er an einem der Spielautomaten und zog sein Geld aus einem dicken Bündel Scheine. Sie wunderten sich über seinen zur Schau gestellten Reichtum. „Wenigstens einer hier im Café, dem es blendend geht“, soll Namik A., Chef des Cafés, zu ihm gesagt haben. Beide hätten gelacht.

 

Im Februar 2010 sagte Moharem zu Namik A., dass er mit Drogen handele und einen Hafenarbeiter in Bremerhaven kenne, der Kokain am Zoll vorbeischmuggeln könne. A. widerstand nicht. „Natürlich war der Gedanke, mit Moharems Hilfe viel Geld zu verdienen, für mich sehr verlockend“, sagt er heute. Es sei ihm so leicht erschienen. Er habe fortan so getan, als kenne er sich aus im Drogengeschäft. Er prahlte: Er könne ohne Probleme 100 Kilogramm Kokain in einer Woche verkaufen. Das LKA sah sich bestätigt, dass A. seit Jahren dick im Geschäft war. Beweise fehlen, obwohl er 21 Monate lang überwacht wurde. Für den LKA-Mann, dem Moharem regelmäßig Bericht erstattete, kein Grund zu zweifeln: „Es hat sich doch bewahrheitet“, sagt der Beamte vor Gericht: „100 Kilo sind ja angekommen.“

 

Der Hafenarbeiter – der kein Hafenarbeiter, sondern Verdeckter Ermittler des Zollfahndungsamts ist – erzählt vor Gericht, wie A. in einer grünen Latzhose am Hafen in Bremerhaven erschien. Er habe ausgesehen wie ein Waldarbeiter, sagt der Beamte. Dem V-Mann soll Namik A. nach Angaben des V-Mann-Führers einmal gesagt haben, dass das Kokain aus einem Flugzeug ins Meer geworfen werden solle, von wo aus es mit einem Boot an Land gebracht werde. Das klinge ziemlich „abenteuerlich“, kommentiert die Beisitzende Richterin. Es gibt viele solcher Anekdoten. Sie alle führen das Gericht zu der Frage: Verhält sich so der Boss einer Drogenbande?

 

Namik A. gibt zu, dass er hin und wieder mit Autos gehandelt hat. Auch, dass in seinem Café Kartenspiele um Geld stattfanden. „Aber Drogengeschäfte gab es in meinem Café nicht. Das hätte ich nicht geduldet.“ Sein Anwalt Marcel Kelz verliest seine Worte vor Gericht. Erst Moharem habe ihn dazu verleitet.

 

Über Monate versucht Namik A., Kontakt zu Leuten herzustellen, die ihm Kokain besorgen können. Er scheitert immer wieder, wie in den Akten belegt ist. Erst nach einem Jahr gelingt es ihm, die Kokainlieferung aus Südamerika zu organisieren, mit der er im August 2011 in Bremerhaven erwischt wird. Beweise für andere Drogengeschäfte fehlen. Immer wieder fragt der Vorsitzende Richter nach. Immer wieder wehrt der LKA-Mann alle Zweifel ab. Er begründet es mit seiner Berufserfahrung und damit, dass A. eben besonders raffiniert vorgegangen sei. Das LKA versichert, Moharem sei ein zuverlässiger Informant. Überprüfen lässt sich dies nicht. Der Staat schweigt über die Identität seiner V-Leute.

 

„Manchmal sitze ich im Gerichtssaal und möchte einfach schreien“, sagt die Frau von Namik A. in ihrem Wohnzimmer. Ein Drogenboss würde doch nicht mit Frau und Kind für 520 Euro Miete in einer Zweizimmerwohnung leben, sagt die 35-Jährige. „Es ist wie in einem schlechten Film.“ Kürsat A., der 28-jährige Sohn von Namik A. aus erster Ehe, sagt: „Meine größte Sorge ist, dass alle sagen, die Polizei hat schon recht. Aber ich habe die Hoffnung, dass das Gericht erkennt, was da gelaufen ist.“

 

„Der Staat hat definitiv Unrecht begangen“, sagt Verteidiger Marcel Kelz. Die Staatsanwaltschaft aber bleibt dabei: Namik A. hätte doch einfach Nein sagen können.

 

Auf dem Fensterbank in seinem Wohnzimmer steht ein Foto, das Namik A. mit seiner Tochter zeigt. Das Mädchen ist im Mai 2011 zur Welt gekommen. Namik A. hat Moharem stolz ein Foto seines Babys und seiner drei anderen Kinder aus erster Ehe gezeigt. Vor Gericht berichtet der LKA-Beamte, wie sehr dies seinem V-Mann Moharem nahe gegangen sei. „Die Kinder taten ihm leid“, sagt er, weil ihr Vater eine solche Straftat begehe. Der Vorsitzende Richter wendet ein: „Er hätte es ihm ja ausreden können.“ Der LKA-Beamte sagt: „Das ist ja nicht seine Aufgabe."

 

Wiebke Ramm, Der Sonntag, 5. August 2012

 

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