Maskenmann

Mörder, doch Mensch

Das Landgericht Stade verhängt die Höchststrafe gegen den „Maskenmann“, der viele Buben missbraucht und drei von ihnen hinterher erwürgt hat.

 

Stade. Ganz zum Schluss wendet sich der Vorsitzende Richter noch einmal direkt an den Angeklagten. „Herr N.“, sagt Richter Berend Appelkamp: „Ihnen steht ein langer, neuer Weg im Leben bevor.“ Doch in diesem Rechtsstaat gelte, „dass immer auch die Hoffnung bleibt“. Martin N. schaut den Richter an. Es ist einer der wenigen Momente, in denen der Angeklagte in diesem Prozess überhaupt jemanden direkt anschaut.

 

Die Schwurgerichtskammer am Landgericht Stade hat Martin N. am Montag des dreifachen Mordes und des vielfachen Missbrauchs von Kindern schuldig gesprochen. Die Kammer verhängte eine lebenslange Freiheitsstrafe, stellte die besondere Schwere der Schuld fest und ordnete die Sicherungsverwahrung an. Es ist die höchstmögliche Strafe.

 

Martin N. hat die Schreckensfigur des Schwarzen Mannes aus der kindlichen Fantasie zum Leben erweckt. Mindestens zehn Jahre lang hat er sich immer wieder in Zeltlagern, Schullandheimen und Wohnhäuser in Norddeutschland mit schwarzer Sturmmaske über dem Gesicht an die Betten schlafender Buben geschlichen und sich an ihnen vergangen. Gegenüber dem Gutachter hat der gebürtige Bremer von etwa 50 Missbrauchstaten gesprochen. Doch zahlreiche Taten sind verjährt, einige sind ihm nicht mehr nachzuweisen. Drei Buben haben die Begegnung mit dem „Maskenmann“ nicht überlebt.

 

Martin N. trifft die volle Härte des Gesetzes, weil das Gericht eine „besonders hohe Rückfallgefahr“ sieht. N. ist sexuell auf Jungen ausgerichtet. Der forensische Psychiater hatte außerdem festgestellt, dass N. ein selbstunsicherer, zwanghafter Mensch mit großer Verdrängungskraft und mangelnder Empathie sei. Therapieren lässt sich dies nach heutiger Erkenntnis schwer. Das Gericht hält den 41-Jährigen für eine tickende Zeitbombe, vor der die Gesellschaft auf Dauer geschützt werden müsse.

 

Dennoch: „Herr N., Sie sind und bleiben immer ein Mensch“, Richter Appelkamp schaut Martin N. noch immer an. Seine Worte gelten auch Ulrich J., dem Vater von Stefan, dem ersten Mordopfer. „Auch noch mit 65 oder 80 Jahren wird er in der Lage sein, einem kleinen Jungen den Hals zuzudrücken“, hatte Ulrich J. an einem der vergangenen Verhandlungstage gesagt. In seiner Stimme lag die ganze Trauer um seinen Sohn, den Martin N. vor 20 Jahren erwürgte, als er anfügte: „Ich möchte nur die Hoffnung ausdrücken, dass diese Kreatur in der Haft sterben wird.“

 

„Die Begrifflichkeit Kreatur ist einem sehr leidenden Vater nachzusehen“, entgegnet Appelkamp, dann wird sein Tonfall schärfer: „Sie hat im Gerichtssaal nichts zu suchen.“ Er hoffe, fährt der Richter sanfter fort, dass die Angehörigen mit Abschluss des Prozesses zur Ruhe kommen werden: „Sie haben sich für ihre Kinder sehr eingesetzt.“

 

„Danke“, sagt Babette K. zu ihrer Anwältin und lacht. Es ist das erste Mal überhaupt, dass man sie lachen sieht. Familie J. lacht auch einmal kurz auf. Da hatte Richter Appelkamp gerade gesagt, dass im Mordfall Dennis K. das Mordmerkmal Heimtücke „nicht vorschriftsgemäß“ erfüllt sei. Es ist ein bitteres Lachen.

 

Michael R., der Vater von Dennis R., ist aus gesundheitlichen Gründen nicht im Saal. So muss er nicht hören, dass der Richter Martin N. glaubt, dass sein damals achtjähriger Sohn 1995 freiwillig mit dem schwarz maskierten Mann mitging, der ihn nachts im Zelt aus dem Schlaf riss. Der Bub habe die Reise in ein Ferienhaus in Dänemark als „Abenteuer“ erlebt, so der Richter. Dennis’ Vater hält das für eine Lüge. Sein Sohn hat die Reise nicht überlebt. Er spielte auf dem Fußboden, als Martin N. ihm von hinten die Hände um den Hals legte und zudrückte. Martin W., den der „Maskenmann“ zu Hause in seinem Bett missbrauchte und der 2011 den entscheidenden Hinweis zu seiner Festnahme gegeben hat, ist nach dem Urteil erleichtert. Seine Mutter und seine Schwester sind an diesem Tag mit im Saal. „Es fühlt sich an, als ob ein riesiger Felsbrocken von mir gerollt ist“, sagt die Mutter. Auch ihr Sohn lächelt.

 

Das Gericht spricht Michael R., Babette K. und Martin W. Schmerzensgeld zu. Familie J. hatte auf eine Schmerzensgeldforderung verzichtet. Die Verteidiger wollen die richterliche Entscheidung nicht kommentieren. „Wir stehen noch unter dem Eindruck des Urteils“, sagt Anwalt Christian Esche knapp und verrät damit doch seine Unzufriedenheit. Sie werden wohl in Revision gehen. Es sei denn, Martin N. hält sie davon ab.

 

Wiebke Ramm, Stuttgarter Zeitung, 28. Februar 2012

 

 

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