Pfarrer

Schuld und Sühne

Weil er sich an drei Jungen vergangen hat, muss ein katholischer Pfarrer wegen schweren Kindesmissbrauchs sechs Jahre ins Gefängnis. DIe Kirche zeigt sich hilflos.

 

Braunschweig. Sie ist nicht gekommen. Sabine B. hört nicht, wie der Vorsitzende Richter im Saal des Landgerichts Braunschweig den katholischen Pfarrer aus Salzgitter am Donnerstag zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt, weil er ihre beiden Söhne und einen weiteren Jungen über Jahre schwer sexuell missbraucht hat. Von 2004 bis 2011 hat sich Andreas L. an den drei Kindern vergangen. Erst an einem anfangs neun Jahre alten Jungen. Dann, als dessen Mutter sich im Jahr 2006 mit einem bischöflichen Kontaktverbot gegen den Pfarrer wehrte, an den neun und elf Jahre alten Söhnen von Sabine B.

 

250 sexuelle Übergriffe hat die Staatsanwaltschaft ihm nachgewiesen. Er hat sich vor den Jungen im Pfarrhaus sonntags vor der Messe selbst befriedigt, im Urlaub in Ägypten und auch beim Skifahren im Salzburger Land, als Sabine B. mit ihrem Mann im Zimmer nebenan schlief. Er hat die Jungen dabei auch angefasst.

 

Die Mutter seines ersten Opfers sitzt bei der Urteilsverkündung im Saal des Landgerichts. Sie schreibt die Worte von Richter Manfred Teiwes konzentriert mit. Sie sieht, wie Andreas L. wie schon die Tage zuvor mit durchgestrecktem Rücken und nahezu reglos dem Richter zuhört. In einem Deal hatten sich die Prozessbeteiligten darauf geeinigt, dass der 46-Jährige bei einem umfassenden Geständnis mindestens sechs Jahre und maximal sechseinhalb Jahre ins Gefängnis kommt. Staatsanwaltschaft und Nebenkläger hatten die Maximalstrafe gefordert.

 

Das Gericht entschied auf das Minimum. Der Richter hielt Andreas L. zugute, dass er von sich aus den Missbrauch der beiden Brüder gestanden hat, als die Polizei noch von nur einem Opfer ausgegangen war. Auch dass der Pfarrer nicht vorbestraft ist und im Untersuchungsgefängnis von Mithäftlingen verprügelt wurde, wertet das Gericht strafmildernd. Gegen ihn spricht nach Ansicht der Richter, dass er als katholischer Pfarrer einen besonderen Vertrauensvorschuss genoss, den er gezielt missbrauchte, um seinen pädophilen Neigungen nachzugehen.

 

Das Urteil des Landgerichts ist das erste Urteil gegen Andreas L. Zwei weitere werden folgen. Demnächst wird der Vatikan Post vom Bistum Hildesheim bekommen. Dann hat die römische Glaubenskongregation zu entscheiden, ob der Pfarrer aus Salzgitter künftig kein Pfarrer mehr sein darf und auch kein Geld mehr bekommen wird. Zudem ermittelt die Staatsanwaltschaft Hannover wegen des Besitzes von Kinderpornografie. Die Polizei hat bei ihm im Pfarrhaus 3000 Fotos und Filme gefunden. Andreas L. hat auch selbst Fotos gemacht. Sein erstes Opfer hat er nackt in seinem Bett und im Solarium fotografiert.

 

Die gesamte Gemeinde sei erschüttert, sagt der Sprecher des Bistums Hildesheim nach dem Urteil. Er steht umringt von Journalisten im Gerichtssaal. Seit 1940 habe es in dem Bistum 25 Priester gegeben, die sich an insgesamt 40 Kindern vergingen, sagt er. Andreas L. zählt er dazu. Doch in mehrfacher Hinsicht überstiegen die Taten des Pfarrers aus Salzgitter alles bisher Dagewesene. L. wird noch im arbeitsfähigen Alter sein, wenn er aus dem Gefängnis kommt. „Was sollen wir dann mit ihm machen? Sagen Sie es mir“, bittet der Bistumssprecher. Altenpflege, Arbeit im Archiv, in der Bibliothek. Er bekommt viele Antworten. Aber auch dort könnten doch Kinder vorbeikommen, entgegnet der Sprecher. Die katholische Kirche ist hilflos. Einen Umgang mit Pädophilie hat sie noch immer nicht gefunden.

 

Wiebke Ramm, Hannoversche Allgemeine Zeitung, 27. Januar 2012

 

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