Ulrike Meinhof

Die Narbe Meinhof schmerzt noch heute

Vor 30 Jahren starb Ulrike Meinhof. Ihre Schwester und der Mann, dessen Hinweis zur Verhaftung der damals meistgesuchten Terroristin führten, leben beide in Hannover. Gesprochen haben sie nie miteinander. Eine Kontaktaufnahme.

 

Hannover. „Ich habe Ulrike Meinhof nicht verraten“, sagt Fritz Rodewald, jedes einzelne Wort betonend. „Ich wusste ja gar nicht, wer da kommt.“ Tiefe Furchen durchziehen das Gesicht des 66-Jährigen. Rodewald lebt mit den Folgen einer Entscheidung, die er vor 34 Jahren getroffen hat. Ein einfaches Leben ist es nicht. Fritz Rodewald hat der Polizei am 15. Juni 1972 die Verhaftung von Ulrike Meinhof ermöglicht. Als Kopf der RAF, der „Roten Arme Fraktion“, war sie die meistgesuchte Frau der Republik. Noch heute, beim Tee auf seiner Dachterrasse in Hannover, wirkt Fritz Rodewald zuweilen, als müsse er sich rechtfertigen für das, was 1972 in seiner damaligen Wohnung an der Walsroder Straße in Langenhagen geschehen ist.

 

„Herr Rodewald trägt die Verantwortung dafür, was er gemacht hat“, sagt Wienke Zitzlaff langsam. „Und dass es Menschen gibt, die ihm das sehr übel genommen haben, ist ja wohl ganz natürlich.“ Wienke Zitzlaff, 75 Jahre alt, ist die Schwester von Ulrike Meinhof. „Große Schwester, so hat Ulrike immer zu mir gesagt.“ Sie lacht. Wie Meinhof hat auch Zitzlaff ihr Leben lang für gesellschaftliche Veränderungen gekämpft. Auf legalem Weg. Zunächst als Lehrerin, später als Rektorin einer Sonderschule hat sie sich vor allem für behinderte Menschen engagiert. Auch Wienke Zitzlaff lebt in Hannover. Begegnet sind sich Rodewald und sie nie.

 

Die Geschichte dieses Nichtverhältnisses beginnt am Donnerstag, dem 15. Juni 1972, gegen null Uhr: Eine Fremde klingelt an der Wohnungstür des 33-jährigen Lehrers Fritz Rodewald. Er öffnet die Tür. Die Frau bittet Rodewald, einem Paar Unterschlupf zu gewähren. Für Rodewald, den „linken Lehrer“, keine ungewö̈hnliche Situation.

 

„Während des Vietnamkrieges war ich Glied einer Kette, durch die desertierte amerikanische Soldaten nach Schweden geschleust wurden“, erklärt er. Das Paar soll am nächsten Tag nach 18 Uhr kommen. „Das sind Leute von der RAF, die will ich nicht in meiner Wohnung haben“, habe seine Freundin Ulrike Winkelvoß damals sofort gesagt. Rodewald habe ihre Reaktion als übertrieben abgetan. Er hielt es für ausgeschlossen, dass Mitglieder der RAF zu ihm kommen. Als Mitglied im Vorstand der Lehrergewerkschaft GEW hatte er „öffentlich und privat“ die Bombenattentate, Banküberfälle und gewalttätigen Aktionen der RAF stets verurteilt. Seine Freundin drängte ihn die ganze Nacht und auch am nächsten Morgen, zur Polizei zu gehen, erzählt er. Nach der Arbeit beriet er sich mit einem Freund und ging schließlich zum Landeskriminalamt. Die Polizisten seien „mäßig hellhörig“ gewesen, erinnert er sich, kündigten aber an, die Wohnung zu überprüfen. Als Rodewald gegen 15 Uhr nach Hause zurückkehrte, sah er, wie eine sich heftig wehrende Frau von der Polizei abgeführt wird.

 

Dass es Ulrike Meinhof ist, wissen zu diesem Zeitpunkt weder Rodewald noch die Polizisten. Die Beamten finden in seinem Wohnzimmer eine Maschinenpistole und einen Kosmetikkoffer mit explosivem Inhalt. Er enthält einen Sprengsatz, anhand dessen später nachgewiesen wird, dass die RAF verantwortlich ist für die Anschläge auf amerikanische Kasernen in Heidelberg und auf das Gebäude des Axel-Springer-Verlags in Hamburg.

 

Rodewald könnte sich als Held fühlen. Er hat die Festnahme von Ulrike Meinhof ermöglicht. Die Zigarette in der einen Hand, die Teetasse in der anderen, beginnt Rodewald 34 Jahre später auf seiner Dachterasse im hannoverschen Stadtteil List zu erzä̈hlen, wie die 15 Stunden im Juni 1972 sein Leben verä̈ndert oder, wie er es formuliert: „partiell zerstört“ haben.

 

Ulrike Winkelvoß und Fritz Rodewald seien von rechts wie links verfolgt und bedroht worden. Er erinnert sich: „Die einen sagten: ,Er hat die Meinhof verraten.‛ Die anderen sagten: ,Er hat die Meinhof beherbergt.‛" Einer der Sätze, die Winkelvoß anonym am Telefon zu hören bekam, lautete: „Wir trinken auf seine Leiche.“ Auf Anraten der Polizei tauchte das Paar zunächst unter. Freunde schnitten sie. Rodewald musste seine Schule verlassen, da Kollegen einen Bombenanschlag fürchteten. Noch Jahre später protestierten Studenten, als er eine Assistentenstelle an der Pädagogischen Hochschule in Hannover antrat. Rodewald litt unter der ständigen Bedrohung und Ausgrenzung. Seine Beziehung zerbrach. Er wurde depressiv, begab sich in Therapie, wurde schließlich selbst Psychoanalytiker.

 

Auch Wienke Zitzlaff kennt das Leben mit der Angst. „Nach dem 14. Mai 1970, der Befreiung von Andreas Baader, hatte ich furchtbare Angst, dass Ulrike erschossen wird.“ Damals war Ulrike Meinhof untergetaucht. Zitzlaff wurde fortan von der Polizei überwacht. „In den zwei Jahren von 1970 bis 1972 ist mir ganz klar gesagt worden: Ich soll meiner Schwester sagen, wenn sie sich nicht stellt, wird sie erschossen werden. Das hat man mir gesagt.“ Das Leben im Untergrund endete für ihre Schwester mit der Verhaftung in Rodewalds Wohnung.

 

Wieso hat Ulrike Meinhof sich ausgerechnet seine Wohnung ausgesucht? Es ist eine der Fragen, die Rodewald noch immer beschäftigen. Er wä̈re froh gewesen, hätte sie es nicht getan. Die 10.000 Mark Belohnung haben ihn nie interessiert. Rodewald hat das Geld anonym für die Verteidigung der RAF-Mitglieder gespendet. Eine Theorie fü̈r die Wahl der Wohnung lautet, Meinhof sei das Risiko eingegangen, weil sie aufgeben wollte.

 

„Nein, das ist wirklich Quatsch. Ulrike war absolut fassungslos, dass er zur Polizei gegangen ist“, sagt Wienke Zitzlaff. Die Fassungslosigkeit klingt bei ihr noch nach mehr als drei Jahrzehnten durch. Für Zitzlaff hat Rodewald keiner Terroristin das Handwerk gelegt, sondern ihre kleine Schwester in den Knast gebracht.

 

Hat Rodewald seine Entscheidung vom 15. Juni 1972 jemals bereut? „Ich bereue es nicht, einer blutigen Geschichte ein unblutiges Ende bereitet zu haben“, sagt er. „Ich sehe das nicht so, dass es ein unblutiges Ende ist“, widerspricht Wienke Zitzlaff in ihrer Wohnküche in einem anderen Teil der Stadt und dreht sich eine Zigarette. Am 9. Mai 1976, 7.40 Uhr, hat man ihre Schwester tot in der Zelle in Stammheim gefunden. Suizid oder Mord? Ganz geklärt sind die Umstände ihres Todes bis heute nicht.

 

Fritz Rodewald ist überzeugt, dass es Selbstmord war. Zitzlaff sieht das anders. „Auch ich habe Angst gehabt, dass sie sich auf Grund der Isolationshaft eines Tages etwas antut. Aber ich habe mit ihr darüber gesprochen, und sie hat mir versichert: ,Ich bringe mich nicht um.‘“ Vor einem Selbstmord hätte ihre Schwester zudem ein Schriftstück verfasst, um „die Haftbedingungen zu denunzieren“, gegen die sie „nun wirklich gekämpft hat“, davon ist Wienke Zitzlaff überzeugt. „Aber einen solchen Brief hat es nie gegeben.“ In einen Bericht einer Internationalen Untersuchungskommission zu ihrem Tod habe es „ganz eindeutig“ geheißen: „Wir gehen davon aus, dass Ulrike Meinhof schon tot war, als sie aufgehängt wurde.“

Rodewald hörte im Radio von Meinhofs Tod. Sofort sei der „Schrecken“ wieder dagewesen und die „Angst“. Er zieht an seiner Zigarette und schaut in den Himmel. Dann sagt er: „Ich habe gedacht, jetzt geht alles wieder von vorne los.“ Das Bundeskriminalamt riet ihm nicht zum ersten Mal, eine neue Identität anzunehmen. „Ich galt als Person, mit deren Entführung die Bundesregierung moralisch zu erpressen war." Hanns Martin Schleyer befand sich gerade in der Gewalt der RAF. Wieder lehnte Rodewald ab: „Ich hatte meine Wurzeln schon verloren. Eine neue Identität und eine neue Stadt hätten mir auch noch die Krone und die Äste geraubt.“

 

Wie hat Wienke Zitzlaff all die Jahre in einem Staat leben können, von dem sie überzeugt ist, dass er ihre Schwester auf dem Gewissen hat? Schweigen. „Ich weiß es nicht“, sagt sie schließlich. „Ich habe mir lange überlegt auszuwandern.“ Aber sie ist geblieben. Sie habe sich in der Bundesrepublik weiter für gesellschaftliche Veränderungen engagieren wollen. 1989 ist Wienke Zitzlaff aus dem hessischen Landkreis Gießen nach Hannover gezogen. „Ich wollte aus dem Dorf raus, in dem ich gelebt habe. Ich war bekannt, als die Schwester von Ulrike, und bekannt, als die Rektorin, die eine sehr radikal linke Schule gemacht hat. Ich wollte mein Alter nicht auf meiner Vergangenheit aufbauen, sondern mein eigenes Leben leben.“ In Hannover hat sie ein Haus gekauft und mit anderen Frauen die Stiftung „Sappho“, ein Wohnprojekt für Lesben, gegründet.

 

Heute Abend wird sie in ihrer Wohnung vor dem Fernseher sitzen. Der Rundfunk Berlin-Brandenburg zeigt von 22.15 Uhr an eine Dokumentation zum 30. Todestag ihrer Schwester. Auch Wienke Zitzlaff sollte in dem Film zu Wort kommen. Sie lehnte ab – wie sie die meisten Anfragen von Medien ablehnt. Ansehen wird sie es sich dennoch. Auch Rodewald wird wohl vor dem Fernseher sitzen und verfolgen, wie der Film der Frage nachgeht, wer die Terroristin Meinhof war.

 

Wer war Ulrike Meinhof? „Eine sehr ernsthafte und politische Frau, die sich in der damaligen Zeit für konsequente Schritte entschieden hat“, sagt Zitzlaff. Das Handeln der RAF müsse im Kontext aller damals international agierenden kommunistischen Organisationen betrachtet werden. Die Motive für Meinhofs Handeln teilt auch Rodewald. Doch die Gewalt, die die „Baader-Meinhof-Bande“ als Mittel wählte, lehnt er ab. Zitzlaff begreift sie als Gegenwehr. „In der ersten RAF-Schrift steht ja eindeutig drin: ,Wir schießen nur auf die, die auf uns schießen. Wer uns laufen lässt, den lassen wir auch laufen‘.“ Sie verweist auf den Mord an Benno Ohnesorg und das Attentat auf Rudi Dutschke. „Die Schüsse haben gezeigt, dass es lebensgefährlich war, radikale linke Positionen zu vertreten.“

 

„Ulrike ist ein Bild geworden für alles, was man empört gegen bestehende Verhältnisse sagen kann. Jeder wird sich infolgedessen immer wieder an sie erinnern“, hat ihre Pflegemutter Renate Riemeck einmal gesagt. Die Narbe Meinhof schmerzt noch immer. In diesem Schmerz sind Zitzlaff und Rodewald verbunden – auch wenn beide keinen Kontakt zueinander wünschen und sie sich nie begegnen wollen.

 

Wiebke Ramm, Hannoversche Allgemeine Zeitung, 8. Mai 2006

 

 

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